Hintergrund & Analyse

Flibbertigibbeting

Was Superkalifragilistischexpialigetisch und eine KI-Ladeanzeige gemeinsam haben

192 handverlesene Gerundien, ein versehentlicher Source-Leak und die Frage ob ein Werkzeug Persönlichkeit haben darf.

Etwas zu sagen, wenn man nicht weiß was man sagen soll

1964 erfanden die Sherman-Brüder für den Disney-Film Mary Poppins ein Wort, das seither jedes Kind kennt: Supercalifragilisticexpialidocious. 34 Buchstaben, zusammengesetzt aus lateinischen und griechischen Fragmenten, und laut Filmfigur Jane „etwas, das man sagen kann, wenn man nicht weiß, was man sonst sagen sollte.”

62 Jahre später sitzt ein Entwickler vor seinem Terminal, wartet auf die Ausgabe einer KI, und auf dem Bildschirm erscheint: Flibbertigibbeting…

Willkommen in der Welt der Spinner Verbs.

Was da dreht

Claude Code ist Anthropics Kommandozeilen-Werkzeug für Entwickler. Während die KI arbeitet, dreht ein kleiner Asterisk seine Runden — begleitet von einem einzelnen Wort im Gerundium. Nicht immer „Thinking”. Nicht immer „Analyzing”. Sondern gelegentlich: Razzmatazzing. Oder Hullaballooing. Oder Discombobulating.

192 solcher Wörter stecken im Programmcode. Handverlesen, in Kategorien sortiert wie ein skurriler Thesaurus: Kulinarisches (Flambéing, Julienning, Sautéing), Kinetisches (Moonwalking, Skedaddling, Waddling), Zerebrales (Cogitating, Ruminating, Philosophising) — und dann die Ausreißer, die in keinen Thesaurus passen würden. Canoodling. Shenaniganing. Tomfoolering. Whatchamacalliting.

Der versehentliche Blick hinter den Vorhang

Am 1. April 2026 — das Datum ist kein Witz, obwohl es einer sein könnte — lieferte Anthropic versehentlich eine Version von Claude Code mit einer 59,8 MB großen Source Map aus. Normalerweise unsichtbarer Programmcode, plötzlich lesbar. Und darin, fein säuberlich als Array: alle 192 Spinner Verbs.

Innerhalb von Stunden hatte die Community die Liste extrahiert, katalogisiert und — selbstverständlich — ein GitHub-Repository angelegt. Jemand baute ein Extraktions-Tool, das die Wörter aus der Binary fischt und Versionsunterschiede trackt. Jemand anderes verfaßte ein komplettes Wörterbuch mit IPA-Lautschrift und fiktiven Feldsichtungen, als wären Spinner Verbs eine bedrohte Tierart. Zitat aus dem Eintrag zu discombobulating: „Sich in einen Zustand produktiver Verwirrung zu versetzen. Die Art des Spinners zuzugeben, daß er keine Ahnung hat was er tut — aber mit Panache.”

Das Wörterbuch gibt es als Paperback. Kein Witz.

Die Spaltung

Die Community ist gespalten. Ein Lager liebt die Spinner Verbs. Ein User erinnert sich an sein erstes: „Mustering — das hat sofort den Ton gesetzt.” Ein anderer bekam Combobulating als Begrüßung.

Das andere Lager sieht das professioneller. Im zugehörigen GitHub-Issue formuliert es jemand so: Wenn man Claude Code in einem Architektur-Review-Meeting präsentiert und auf dem Bildschirm Lollygagging steht, fragen sich die Entscheider ob das ein ernsthaftes Werkzeug ist oder ein Spielzeug. Die Bitte: ein Opt-out. Einen Schalter der die Albernheit abstellt.

Anthropic hat beides geliefert. Seit Januar 2026 kann man die Spinner Verbs in einer Konfigurationsdatei überschreiben — eigene Wörter, Team-Insider, oder die legendären Ladebildschirm-Texte der Sims-Spiele (ja, „Reticulating Splines” wurde tatsächlich als erstes eingesetzt).

Wenn das Werkzeug zurückgrinst

Ein Entwickler namens Daniel Miessler hat die Sache auf die Spitze getrieben. 635 eigene Spinner Verbs, jedes einzelne ein Verweis auf etwas aus seinem Leben: Bücher (Neuromancing, Kwisatz-haderaching), Militärdienst, Kaffeesucht (Caffeinating), Philosophie (Premeditatio-malorum-ing). Sein KI-Assistent Kai — selbst eine KI — kommentiert das mit einer Beobachtung die nachdenklich macht: „Self-attending zu sehen während ich self-attende ist ein seltsamer Loop.”

Und genau hier wird es interessant. Ein Ladestatus-Text ist funktional überflüssig. Er sagt nur: Ich arbeite noch. Ob da „Processing” steht oder „Flibbertigibbeting” — technisch identisch. Aber psychologisch?

Mary Poppins hätte es gewußt. Die Sherman-Brüder erfanden ihr Wort als „etwas zu sagen, wenn man nicht weiß was man sagen soll.” Die Anthropic-Entwickler standen vor dem gleichen Problem: Die KI denkt nach, der Mensch wartet, und irgendetwas muß in dieser Leere stehen. Sie hätten „Processing” nehmen können. Sie nahmen Beboppin’.

Die Gemeinsamkeit

Supercalifragilisticexpialidocious und Flibbertigibbeting sind beide Wörter die es nicht geben müsste. Beide füllen eine Lücke die streng genommen keine ist. Beide machen aus einem Moment des Wartens — auf die richtige Antwort, auf die Ausgabe einer Maschine — etwas, das den Mundwinkel hebt.

Der Unterschied: Das eine wurde in einen Film geschrieben. Das andere in eine JSON-Datei.

Und während ich diesen Text schrieb, stand auf meinem Bildschirm: Wrangling…


Quellen