Praxis & Anwendung

Digitale Archäologie — was passiert, wenn man eine KI auf ein 2 Jahre altes Backup loslässt

Aus einer Aufräumaktion wurden vergessene Schätze heben, ein Plugin-Inventar und 55 GB freier Speicherplatz

Eine Claude-Code-Session, die mit Notizen-Aufräumen begann und in einer digitalen Ausgrabung endete. Windows-Keys von 2012, LUNA-Templates entdeckt und eine Liste aller installierten Audio-Plugins erzeugt.

Vorbemerkung, Claude Code verwende ich in der Claude App. Bei Bedarf kann voller Zugriff auf das OS gewährt werden.

Wie es anfing

Der Auftrag war harmlos: Apple Notizen aufräumen. 50 Notizen, über die Jahre angesammelt, keine Struktur, kein System. Ein typischer Freitagnachmittag-Job.

Das Werkzeug war Claude Code — der Desktop-Variante des KI-Assistenten, die direkt auf dem Mac arbeiten kann. Was die einzelnen Claude-Varianten unterscheidet und welche Werkzeuge wo verfügbar sind, steht im Überblick über die Claude-Interfaces. Dateien lesen, Befehle ausführen, mit AppleScript in Systemprogramme eingreifen. Also mit einem Chat planen und dann gleich ausführen.

Was dann passierte, hat sich aus dem Chat ergeben.

Die Eskalation

Claude-Code hat die 50 Notizen inventarisiert, thematisch gruppiert und per AppleScript in 9 Ordner sortiert. Zwei Minuten, erledigt. Während der Job lief, habe ich nebenbei auf die Festplatten geschaut — und dabei ist mir ein TimeMachine-Backup ins Auge gefallen. Ein alter Snapshot, seit Jahren unberührt. Das habe ich dann genauer angesehen. Drei SSD hängen am MacBook — eine 4-TB-SSD für aktive Projekte, eine 4-TB-HDD als Library-Archiv, eine 2-TB-HDD mit älteren Daten. Zusammen fast 10 Terabyte.

Auf der 2-TB-Platte lag dieser Snapshot — vielleicht 500 GB. Also Claude-Code auf die Aufgabe angesetzt: Was steckt da drin?

Die Ausgrabung

Claude-Code hat das Backup systematisch durchsucht. Ausgrabungen wie in der Archäologie: Schicht für Schicht, Verzeichnis für Verzeichnis.

Was zum Vorschein kam:

Ein vergessenes Mail-Archiv. 17.592 Mails aus fünf Konten, 2,9 GB. Darunter ein Ordner «Daten» mit 260 Mails — eine komplette Sammlung von Audio-Software-Lizenzen und Kaufbelegen. Spitfire Audio, UVI, Steinberg, Waves, Native Instruments. Alles säuberlich in Mails verpackt, alles vergessen. Eigentlich nicht vergessen, sondern einfach nicht mehr gefunden.

Windows Product Keys von 2012. Aus Self-Mails, verschickt über Thunderbird. Ein Windows-8-Key und ein Backup-Key, beide noch gültig. Die lagen 14 Jahre in einem Backup und wären beim nächsten Plattenaufräumen verschwunden.

LUNA-Templates und Sessions. Drei Templates und 15 Sessions aus der Haupt-DAW, die beim letzten Systemwechsel nicht mitkopiert worden waren. Für einen Toningenieur ist das wie eine Festplatte auf der alte Session Aufnahmen gespeichert sind.

Das Plugin-Inventar

Während Claude-Code das Backup durchsuchte, war ich wieder auf dem Balkon — und dabei kam mir eine Idee, die schon lange auf der Liste stand: eine vollständige Übersicht aller installierten Audio-Plugins. Direkt aus einem Plugin-Ordner zu lesen wäre der naheliegende Weg gewesen, aber dort fehlen Hersteller-Metadaten und Ähnliches. Dann fiel mir ein, dass ich schon mal einen Studio-One-Ordner geöffnet hatte und dort XML-Dateien gesehen hatte — die Plugin Scanner-Ergebnisse der DAW, mit allen Infos drin. Einen Prompt später hatte Claude Code die entsprechende XML-Datei gefunden, extrahierte den Inhalt und formatierte eine Liste — eine Minute später lag das Ergebnis vor.
AU Plugin Liste ansehen

2.135 Audio-Plugins von 106 Herstellern.

Universal Audio führt mit 377 Plugins, gefolgt von Waves (229), Native Instruments (147), Arturia (100) und FabFilter (42). Jeder Plugin-Name, jeder Hersteller, sauber sortiert. Danach noch eine Anweisung — und Claude-Code hat daraus eine Excel-Datei gemacht: oben die Hersteller als Überschriften, darunter jeweils ihre Plugins. Ein Überblick, der so vorher nicht existierte.

Das klingt wie eine Fleissarbeit. Ist es auch — aber eine, die sich niemand ohne zwingenden Grund antut. 2.135 Einträge aus einer XML-Datei extrahieren, nach Herstellern gruppieren, Duplikate entfernen, als Markdown-Tabelle formatieren. Das dauert manuell ziemlich lange. Claude-Code hat es in drei Minuten erledigt.

Danach noch eine Anweisung: das Ganze als Excel-Tabelle aufbereiten, oben nach Herstellern gegliedert, darunter die jeweiligen Plugins. Fertig war der Überblick, den ich schon immer mal haben wollte.

Schon bald wird das hilfreich sein. Mein aktuelles MacBook wird ersetzt. Noch ein paar Tage und eine Neuinstallation liegt an. Neuinstallation deshalb da ich das immer so mache. Zeug das ewig schon vergessen auf der Platte rumliegt ist weg, Ballast frei sozusagen. Gut, TimeMachine Backup würde funktionieren, aber da ist dann ja der ganze Ballast mit drin.

Zwischendurch war ich auf dem Balkon Sonne tanken. Da fiel mir ein, dass seit Wochen ein Problem vor sich hin nervte: Acoustica öffnete Dateien nicht mehr mit “Öffnen mit”. Acoustica öffnete sich aber die Datei musste ich manuell reinbringen Also Claude-Code damit beauftragt.

Die Ursache: Die Acoustic App selbst. Alle Versuche das zu reparieren scheiterten. Alle Properties waren richtig verknüpft. Ein Gegen Check mit anderen Apps wie WaveLab 13 ergab, da geht es. Also blieb nur Acoustica selbst.

Der Vorschlag von Claude Code: die App selbst patchen. Ein simpler Prompt “Ja mach das” und Claude-Code ist durchgestartet. 15 Minuten später war Acoustica mit einem Patch repariert und machte wieder das was vorgesehen ist: bei Rechtsklick auf eine Audio Datei und “öffnen mit”. Die Datei in Acoustica öffnen.

Dieses Debugging-Muster ist typisch für die Art von Arbeit, die mit KI anders läuft als ohne: Man beschreibt das Symptom («App macht nicht das was sie tun soll»), und schon wühlt sich Claude-Code durch Launch Services, findet Geisterregistrierung und behebt was nicht passt. Und wenn das nicht fruchtet, dann schreibt sie einen Patch für die App. Ohne KI wäre ich da chancenlos gewesen. Einen Patch schreiben für eine App? No way. Mit KI war es ein Satz und drei Befehle.

Die Bilanz

Am Ende einer Session, die mit Notizen-Aufräumen begann:

  • 50 Apple-Notizen in 9 thematische Ordner sortiert
  • Windows Product Keys aus 2012 gerettet
  • 260 Lizenz-Mails reimportiert
  • 3 LUNA-Templates und 15 Sessions restauriert
  • 2.135 Plugins inventarisiert
  • Acoustica-Dateizuordnung repariert
  • 55 GB Speicherplatz freigeräumt (Samsung-Dev-Tools, Caches, verschobene Libraries)
  • SSH-Zugang für einen neuen Editor eingerichtet
  • Ein Konzept für projektübergreifenden Cloud-Speicher entworfen

Nichts davon war geplant. Während Claude-Code arbeitete habe ich mir überlegt was ich noch so machen könnte — eine neue Idee führte zur nächsten Aufgabe. Direkt geplant war nur Notizen aufräumen. Als ich erkannt hatte was alles möglich ist mit Claude-Code ging es dann richtig los. In Zukunft wird das mein bevorzugtes Werkzeug sein für Aufgaben dieser Art.

Was das über KI-Arbeit zeigt

Die meisten Menschen stellen sich KI-Nutzung als Frage-Antwort-Spiel vor: Prompt rein, Antwort raus, fertig. Diese Session zeigt etwas anderes.

Sie zeigt einen Arbeitsprozess, der sich entfaltet. Ich gebe die Richtung vor — «räum die Notizen auf» — und während die KI damit beschäftigt war, habe ich mich auf der Festplatte umgesehen, das TimeMachine-Backup entdeckt und Claude Code darauf angesetzt.

Das ist keine Automatisierung im klassischen Sinne. Das ist: „Das Beheben lästiger Probleme und Durchführen von Aufgaben, die für Menschen langweilig oder aufwändig sind.” Der Mensch weiss was er will, er formuliert das in einem Prompt, die KI führt aus. Claude-Code ist in der Lage Aufgaben durchzuführen die meine Development Kenntnisse weit übersteigen würden. Oder solche die einfach einen sehr grossen Aufwand darstellen und daher nie gemacht werden.

Das ist es, was Claude Code als Werkzeug tatsächlich leisten kann, wenn man weiss wie man damit umgeht.


Session vom 19./20. März 2026. Durchgeführt mit Claude-Code (Desktop) auf einem MacBook Pro M4 Max.

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